Individuelle Ernährung bei Long Covid und ME/CFS
Eine Virusinfektion ist häufig nach einigen Tagen überstanden. Bis der Körper jedoch wieder vollständig zu Kräften gekommen ist und in seinen gewohnten Rhythmus zurückfindet, können mehrere Wochen vergehen.
Bei manchen Menschen gelingt diese Rückkehr nicht. Die akute Infektion ist vorbei, doch Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Kreislaufbeschwerden oder eine ungewöhnlich geringe Belastbarkeit bleiben bestehen. Besonders im Zusammenhang mit Covid-19 haben viele Menschen diese Erfahrung gemacht.
Long Covid ist nicht gleich ME/CFS
Long Covid ist ein Oberbegriff für länger anhaltende oder neu auftretende Beschwerden nach einer Covid-19-Infektion. Die Beschwerden können sehr unterschiedlich sein und verschiedene Bereiche des Körpers betreffen.
ME/CFS, die Myalgische Enzephalomyelitis beziehungsweise das Chronische Fatigue-Syndrom, ist dagegen eine schwere chronische Erkrankung, die verschiedene Systeme des Körpers betrifft. Sie war bereits lange vor der Corona-Pandemie bekannt und kann auch nach anderen Infektionen auftreten.
Ein wesentliches Merkmal von ME/CFS ist die sogenannte Post-Exertional Malaise, kurz PEM. Damit ist gemeint, dass sich die Beschwerden bereits nach geringer körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung deutlich verschlechtern können. Das geschieht teilweise erst einige Stunden später oder am folgenden Tag.
Deshalb spielt das sogenannte Pacing eine wichtige Rolle. Dabei lernen Betroffene, ihre vorhandenen Kräfte bewusst einzuteilen und die eigene Belastungsgrenze möglichst nicht zu überschreiten.
Long Covid und ME/CFS können sich überschneiden, sind aber nicht dasselbe. Nicht jeder Mensch mit Long Covid entwickelt ME/CFS und ME/CFS kann auch nach anderen Infektionen auftreten.
Warum kommt der Körper nicht wieder in die Regeneration?
Warum manche Menschen nach einer Infektion nicht wieder vollständig in die Regeneration zurückfinden, ist bislang nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich spielen mehrere Vorgänge im Körper zusammen.
Diskutiert werden unter anderem Veränderungen des Immunsystems, des vegetativen Nervensystems, der Durchblutung kleinster Blutgefäße und des Energiestoffwechsels.
Das könnte auch erklären, warum die Beschwerden so unterschiedlich sind. Während bei einem Menschen Erschöpfung und Konzentrationsprobleme – der sogenannte „Brain Fog“ – im Vordergrund stehen, sind es bei einem anderen Kreislaufprobleme, Herzrasen, Schlaf- oder Verdauungsstörungen.
Welche Rolle spielt die Ernährung?
Wenn ein Organismus bereits Schwierigkeiten hat, nach einer Belastung wieder in die Regeneration zurückzufinden, bekommt auch die Ernährung eine besondere Bedeutung. Denn jede Mahlzeit liefert nicht nur Energie und Nährstoffe. Sie bedeutet gleichzeitig Arbeit für den Stoffwechsel. Nahrung muss zerlegt und aufgenommen werden. Die enthaltenen Nährstoffe müssen anschließend transportiert, umgebaut, gespeichert oder wieder ausgeschieden werden. Daran sind unter anderem Magen und Darm, Bauchspeicheldrüse, Leber, Hormone und zahlreiche Enzyme beteiligt.
Gerade bei einem ohnehin belasteten Organismus sollte die Ernährung deshalb möglichst wenig zusätzliche Belastung für den Stoffwechsel verursachen. Das bedeutet jedoch nicht, möglichst wenig zu essen oder immer mehr Lebensmittel wegzulassen. Im Gegenteil: Der Körper benötigt ausreichend Energie, Eiweiß, Fette, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Entscheidend ist vielmehr, Lebensmittel auszuwählen, die zum individuellen Stoffwechsel passen und vom Körper gut verarbeitet werden können.
Warum es nicht die eine Long-Covid-Ernährung gibt
So wie sich die Beschwerden unterscheiden, ist auch der Stoffwechsel jedes Menschen individuell geprägt. Genetische Voraussetzungen bilden dafür die Grundlage. Hinzu kommen weitere Einflüsse wie Lebensweise, Alter, Bewegung, Stress und weitere Faktoren. Sie alle können beeinflussen, wie unser Körper mit Nahrung umgeht. Deshalb kann ein Lebensmittel, das für einen Menschen gut geeignet ist, für einen anderen weniger passend sein.
Genau hier setzt eine individuelle Ernährung an. Statt allgemeine Lebensmittelverbote auszusprechen oder allen Menschen mit Long Covid oder ME/CFS dieselbe Ernährungsform zu empfehlen, wird die Lebensmittelauswahl an den persönlichen Stoffwechsel angepasst.
Das Ziel ist dabei einfach: Den Körper ausreichend versorgen und gleichzeitig den Stoffwechsel so wenig wie möglich zusätzlich belasten. Gerade bei Long Covid und ME/CFS ist dieser individuelle Blick besonders wichtig. Denn ebenso wenig, wie es den typischen Long-Covid- oder ME/CFS-Betroffenen gibt, gibt es die eine Ernährung, die für alle gleichermaßen geeignet ist.
Einige Grundsätze können zusätzlich helfen
Auch wenn die Auswahl der Lebensmittel individuell sein sollte, können einige allgemeine Grundsätze hilfreich sein:
- Regelmäßig Energie zuführen: Lange Nahrungspausen oder Intervallfasten sind bei ausgeprägter Erschöpfung nicht für jeden geeignet. Regelmäßige Mahlzeiten können helfen, die Energieversorgung gleichmäßiger zu gestalten und starke Blutzuckerschwankungen zu reduzieren.
- Auf ausreichend Eiweiß achten: Die Bausteine des Eiweißes, die sogenannten Aminosäuren, werden unter anderem für Muskulatur, Enzyme, Hormone, Botenstoffe, das Immunsystem und Reparaturprozesse benötigt.
- Auf nährstoffreiche Lebensmittel achten: Besonders bei eingeschränktem Appetit sollten die Mahlzeiten möglichst viele wertvolle Nährstoffe liefern. Gemüse, individuell geeignete Eiweißquellen, Nüsse, Samen und hochwertige Fette können dazu beitragen.
- Ausreichend trinken: Bei Kreislaufproblemen und Beschwerden beim längeren Stehen oder Aufstehen ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr besonders wichtig. Ob zusätzlich Elektrolyte oder mehr Salz sinnvoll sind, sollte insbesondere bei Herz-, Nieren- oder Blutdruckproblemen individuell geklärt werden.
- Koffein bewusst einsetzen: Kaffee kann Müdigkeit kurzfristig überdecken, erhöht aber nicht die tatsächlich vorhandene Belastbarkeit. Bei Herzrasen, Unruhe oder Schlafproblemen kann zu viel Koffein zusätzlich belasten.
- Die eigene Verträglichkeit ernst nehmen: Nach Infektionen können sich Verdauung und die Verträglichkeit bestimmter Lebensmittel verändern. Daraus sollten jedoch keine pauschalen Verbotslisten entstehen. Entscheidend ist immer die individuelle Reaktion.
- Auch beim Essen mit den Kräften haushalten: Einkaufen, Vorbereiten und Kochen benötigen ebenfalls Energie. Vorkochen, Einfrieren und einfache Mahlzeiten können deshalb an schlechteren Tagen eine wertvolle Hilfe sein.
Fazit
Eine individuelle Ernährung kann Long Covid oder ME/CFS nicht heilen. Sie kann jedoch dazu beitragen, vermeidbare Belastungen des Stoffwechsels zu reduzieren und gleichzeitig den Körper zuverlässig mit Energie und Nährstoffen zu versorgen.
Dabei ist Individualität entscheidend. Denn Menschen unterscheiden sich in ihrer Stoffwechselprägung ebenso wie in ihren Beschwerden, ihrer Belastbarkeit und ihren Reaktionen auf Lebensmittel.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Was sollte man bei Long Covid essen? Sondern: Welche Lebensmittel kann mein Stoffwechsel in meiner gegenwärtigen Situation gut verarbeiten?
Genau darin liegt die Chance einer individuell abgestimmten Ernährung. Sie soll einen erschöpften Organismus nicht zusätzlich antreiben oder fordern, sondern den Stoffwechsel entlasten und somit möglichst gute Voraussetzungen für Regulation und Regeneration schaffen.